MARTIN B.

Prägungen: Wie nehmen wir Lobpreis wahr? - Teil 3.

Die biblische Grundlage – Teil eines größeren Ganzen

Wie im vorangehenden Teil erwähnt, steht im gemeinschaftlichen Lobpreis in der Bibel nicht die eigenständige Person (das Individuum) im Vordergrund. Vielmehr treten wir als Gemeinschaft vor Gott und jeder darf Teil eines größeren Ganzen sein, das sich Gott nahen möchte.

Folgend ein paar biblische Hinweise, die aufzeigen, dass der gemeinschaftliche Gedanke und die Idee, Teil eines größeren Ganzen zu sein, nicht an den Haaren herbeigezogen ist, sondern sich durch die ganze Bibel, vom ersten bis zum letzten Buch, durchzieht:

  1. Das erste Buch der Bibel (1. Mose – Genesis) handelt nahezu ausschließlich von Familiengeschichten: Adam und Eva mit Kain und Abel, Noah und seine Familie, Abrahams, Isaaks, Jakobs und Josefs Familie. Gott spricht hier immer wieder zu einzelnen Personen, begleitet jedoch ganze Familien.

  2. Das zweite Buch der Bibel (2. Mose – Exodus) markiert den Anfang eines Volkes, das Gott befreit und durch die Wüste hindurch in seine Kinderstube nimmt. Ab hier taucht immer wieder das Bild von Gott und seinem Volk auf. Gott führt Israel nicht nur aus der Sklaverei heraus, sondern wohnt (zeltet) mitten unter ihnen in der Stiftshütte. Er will Gemeinschaft mit dem Volk.

    „Und nun, wenn ihr willig auf meine Stimme hören und meinen Bund halten werdet, dann sollt ihr aus allen Völkern mein Eigentum sein; denn mir gehört die ganze Erde. Und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und eine heilige Nation sein. Das sind die Worte, die du (Mose) zu den Söhnen Israel reden sollst.“ 2. Mose 19,5-6

  3. Gott wählt sich zwar das ganze Alte Testament hindurch immer wieder Einzelpersonen aus, mit denen er engen Kontakt pflegt (Richter, Propheten, Könige und Königinnen, usw.), doch immer zu dem Zweck, sein ganzes Volk zu erreichen.

    „Und ich hörte die Stimme des Herrn, der sprach: Wen soll ich senden, und wer wird für uns gehen? Da sprach ich: Hier bin ich, sende mich! Und er sprach: Geh hin und sprich zu diesem Volk: …“ Jesaja 6,8-9

  4. Die Evangelien im Neuen Testament sind der Inbegriff dessen, wie weit Gott bereit ist zu gehen, um die Menschen zu erreichen. Er wird selbst Mensch und wohnt erneut unter ihnen. Jesus übernimmt die Muster aus dem AT: er sucht sich eine Handvoll Einzelpersonen, die er dazu nutzt, um später ganze Völkerscharen zu erreichen.

    „Denn so hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern ewiges Leben hat.“ Johannes 3,16

  5. Die erste Gemeinde in Jerusalem und alle weiteren in Kleinasien waren geprägt von gemeinschaftlichem Beisammensein. Alle Briefe handeln auch vom Umgang miteinander und verwenden in der Ansprache immer ein großes „Wir“ oder „Ihr“.

    „Ich ermahne euch aber, Brüder, durch den Namen unseres Herrn Jesus Christus, dass ihr alle einmütig redet und nicht Spaltungen unter euch seien, sondern dass ihr in demselben Sinn und in derselben Meinung völlig zusammengefügt seiet.“ 1. Korinther 1,10

    „Dies alles aber wirkt ein und derselbe Geist und teilt jedem besonders aus, wie er will. Denn wie der Leib einer ist und viele Glieder hat, alle Glieder des Leibes aber, obwohl viele, ein Leib sind: so auch der Christus. Denn in einem Geist sind wir alle zu einem Leib getauft worden, es seien Juden oder Griechen, es seien Sklaven oder Freie, und sind alle mit einem Geist getränkt worden.“ 1. Korinther 12,11-13

  6. Die Offenbarung des Johannes schließlich zeigt ein konkretes Bild der Gemeinschaft mit und vor Jesus auf seinem Thron.

    „Und ich sah etwas wie ein gläsernes Meer, mit Feuer gemischt, und sah die Überwinder über das Tier und über sein Bild und über die Zahl seines Namens an dem gläsernen Meer stehen, und sie hatten Harfen Gottes. Und sie singen das Lied Moses, des Knechtes Gottes, und das Lied des Lammes und sagen: Groß und wunderbar sind deine Werke, Herr, Gott, Allmächtiger! Gerecht und wahrhaftig sind deine Wege, König der Nationen! Wer sollte nicht fürchten, Herr, und verherrlichen deinen Namen? Denn du allein bist heilig; denn alle Nationen werden kommen und vor dir anbeten, weil deine gerechten Taten offenbar geworden sind.“ Offenbarung 15,2-4

  7. Bei Gott selbst zieht sich das Gemeinschafts-Bild von Anfang an durch. Er ist nie allein, sondern drei Personen in perfekter Harmonie.

    „Und Gott sprach: Lasst uns Menschen machen in unserm Bild, uns ähnlich!“ 1. Mose 1,26

Wir sehen also, dass der Gemeinschaftsgedanke immer schon da war. Gott möchte sich uns ganz persönlich nahen. Jedem einzelnen von uns. Aber er will auch, dass wir als Gemeinschaft vor ihn treten.

Schlussgedanken

Wir finden in der Bibel zahlreiche Begebenheiten, wo Einzelpersonen eine besondere Beziehung zu Gott führen. Deshalb sei hier noch einmal erwähnt: all die Sätze über den Gemeinschaftsgedanken im Vordergrund dienen nicht dazu, den persönlichen Glauben abzusprechen. Beides ist notwendig. Beides hat seinen Platz und seine Zeit. Das ganz persönliche Gebet und das gemeinschaftliche Treten vor Gott. Was jedoch vielleicht deutlich wird ist die besondere Überbetonung der persönlichen Beziehung zu Jesus in unserer heutigen Zeit, aufgrund unserer individualistischen Gesellschafts- und Kultur-Prägung. Das Gemeinschafts-Bewusstsein tritt dabei in den Hintergrund. Im gemeinschaftlichen Lobpreis stehe nicht in erster Linie ich mit meinen Emotionen vor Jesus, sondern die Gemeinschaft und ich darf ein Teil eines größeren Ganzen sein. Findet Lobpreis in so einer Gemeinschaft statt, sollten wir lernen, Persönliches hinten anzustellen und mehr auf andere zu achten. Schließlich befinden wir uns dann einen Schritt näher an dem, was Jesus von seinen Jüngerinnen und Jüngern fordert:

„Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr einander liebt, damit, wie ich euch geliebt habe, auch ihr einander liebt. Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt.“ Johannes 13,34

Wie moderner gemeinschaftlicher Lobpreis laut Faix und Künkler (2029) oft stattfindet (Gemeinschaft ist da, aber Individualismus überwiegt): Persönlich über Gemeinschaft

Wie gemeinschaftlicher Lobpreis, geprägt vom biblischen Gemeinschaftsverständnis, stattfinden kann (Gemeinschaft vor Gott im Vordergrund und Persönliches im dafür vorgesehenen Rahmen): Gemeinschaft über Persönlich

Welche Schlüsse zieht ihr aus der Gegenüberstellung „individualistisch geprägte Gesellschaft“ und „gemeinschaftlicher Lobpreis der Bibel“?
Würdet ihr beim Lobpreis in euren Gemeinden etwas ändern wollen oder alles so belassen wie es ist?


Literaturverzeichnis

  • Faix, T. & Künkler, T. (2019). Generation Lobpreis und die Zukunft der Kirche. 2. Aufl. Neukirchener Verlagsgesellschaft mbH: Neukirchen-Vluyn.
  • Frey, A. (2019). Anbetung in Wahrheit und im Geist. SCM R.Brockhaus: Holzgerlingen.
  • Leibovici-Mühlberger, M. (2016). Wenn die Tyrannenkinder erwachsen werden. Warum wir nicht auf die nächste Generation zählen können. edition a: Wien.
  • Schnell, M. W. (2017). Ethik im Zeichen vulnerabler Personen. Leiblichkeit – Endlichkeit – Nichtexklusivität. Velbrück Wissenschaft: Weilerswist.

Über den Autor:

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Martin Binder beschäftigt sich seit 20 Jahren mit den Themen Lobpreis und Anbetung. Seit seinem 14. Lebensjahr spielt er Klavier, Gitarre und Schlagzeug auf Bühnen und in Gottesdiensten und gründet, leitet und coacht Bands. Ebenso lange schon schreibt er eigene Songs in verschiedensten Stilrichtungen, unter anderem auch Lobpreis-Lieder. Die letzten 4 Jahre hat er diese Hobbies zum Beruf gemacht und zusätzlich in einer Bibelschule Lobpreis und Anbetung unterrichtet.