MARTIN B.

Prägungen: Wie nehmen wir Lobpreis wahr? - Teil 1.

Einleitung

Vielleicht hast du schon mal folgende Aussage gehört: Wir sind Kinder unserer Zeit!

In diesem Satz steckt, dass wir von unserer Gesellschaft und Kultur, in der wir leben, stark beeinflusst werden. Was die Menschen um uns herum sagen und tun, prägt unser Denken und Verhalten von Kindheit an. Es ist wichtig, sich diesen Einfluss bewusst zu machen, da wir ihn überall hin mittragen, wo wir hingehen: in unsere Familien und Freundeskreise, zu unseren Arbeitskollegen, aber auch in unsere Gemeinden. Unser Gesellschaftsdenken prägt unsere Gemeindekultur und dann natürlich auch die Art und Weise, wie wir Lobpreis und Anbetung verstehen und gestalten.

Diese Blogreihe soll dir dabei helfen, ein typisches Gesellschaftsmuster unserer postmodernen Zeit wahrzunehmen und zu erkennen, wie es sich in Gemeinden und im modernen Lobpreis äußern kann (aber nicht zwingend muss!). Auch werfen wir einen Blick in die Bibel und versuchen wieder ein Stück weit zu verstehen, wie Lobpreis und Anbetung nach Gottes Vorstellung aussieht.

Individualistisch geprägte Gesellschaft und ihr Einfluss auf Lobpreis

Wir leben in einer Ich-zentrierten Gesellschaft. Das Persönliche wird emporgehoben, die Selbstbestimmung ist eine ethische Größe geworden (Autonomie ist einer der wichtigsten Begriffe in der Ethik). In den letzten Jahrzehnten hat sich das noch einmal deutlich zugespitzt. Seit den 80er-Jahren sprechen Soziologen von einer Individualisierung (Schnell, 2017).

„Individualisierung meint, dass traditionelle und institutionelle Vorgaben, die regeln, wie ein Leben zu leben ist, an Bedeutung verloren haben.“ (Schnell, 2017, S.61)

Eltern und PädagogInnen haben sich große Mühe gegeben, Kindern eine eigene Verwirklichung zu ermöglichen. Hier schwingt natürlich viel Positives mit: wir sollen unser Leben bis zu einem gewissen Grad im Griff haben! Auf eigenen Beinen zu stehen ist in vielen Bereichen eine gute Sache und zu lernen, selbstständig zu agieren und zu reagieren gehört zum Erwachsenwerden dazu. Die Kehrseite ist jedoch ein starker Sog zu einer egoistischen Lebensweise, für den wir Menschen anfällig sind (Leibovici-Mühlberger, 2016).

Was wir in der Regel von Kindheit an von unserem Umfeld mitbekommen haben, ist, dass wir vor allem an uns selbst denken sollen, darauf achten müssen, dass es uns gut geht und uns keiner bei der Selbstbestimmung behindert. Vater und Kind Wir sind solchem Gesellschaftsdenken derart stark ausgesetzt, dass wir nicht nur Muster übernehmen, sondern auch in jede Menschenansammlung hineintragen. So finden wir diese Muster in der Schule, auf der Uni, in der Arbeit, im Freundeskreis, im Bibelkreis und Hauskreis, in unseren Gemeinden, Gottesdiensten und auch Lobpreiszeiten (Faix & Künkler, 2019). Überall, wo Menschen aus unserer westlichen Gesellschaft und Kultur zusammenkommen, findet man Anzeichen von Ich-Zentrierung, Selbstbestimmung und Egoismus.

Wenn wir im Lobpreis vor Gott treten, nehmen wir unser Denken und Handeln mit, das von unserem Umfeld geprägt wurde. Folgend möchte ich fünf Beispiele nennen, wie sich das im und um den Lobpreis herum äußern kann. Das bedeutet natürlich nicht, dass diese Beispiele genauso in diesem Ausmaß in deiner Gemeinde auftreten müssen, aber sie können dir dabei helfen, solche oder ähnliche Muster in deinem Umfeld zu erkennen:

  1. Ich konzentriere mich auf die persönliche Beziehung zwischen Gott und mir, sowie meine persönlichen Emotionen (Faix & Künkler, 2019). „Ein starker Fokus auf das Erleben und die Emotionen gehen hier einher mit einer starken Personalisierung…“ (Faix & Künkler, 2019, S. 229).

  2. In den Liedtexten geht es nicht um kollektive Größen (z.B. Leib Christi, Reich Gottes, Kirche, „Wir“), sondern um „Jesus und mich“, oder „mich und Jesus“ (Faix & Künkler, 2019).

  3. Der Lobpreisleiter fordert zum Mitsprechen z.B. eines Gebetes auf, das mich persönlich ansprechen soll (z.B. „ist das auch dein persönliches Gebet, dann bete mit mir…“).

  4. Es kommt während der Lobpreiszeit zu Verhalten, dass andere TeilnehmerInnen aus dem Lobpreis oder der Anbetung reißt (z.B. lautes Rufen oder Schreien; laute Zungenrede durch mehrere Personen gleichzeitig; aber auch z.B. eine passive, ablehnende Körperhaltung mit einem griesgrämigen Gesichtsausdruck; der Blick aufs Handy, usw.).

  5. Es kommt nach Lobpreiszeiten oder Gottesdiensten zu folgenden oder ähnlichen Gesprächssätzen: „Der Lobpreis heute war genau/nicht so mein Ding!“ „Die Band hat mich (nicht wirklich) abgeholt!“ „Mir war es zu laut/leise/lang/kurz, usw.“ (Frey, 2019). Vater und Kind

Die Frage ist nun: Inwieweit passen unsere postmodernen Gesellschaftsmuster zu dem Lobpreis, den sich Gott vorstellt? Welche Unterschiede können wir da vielleicht entdecken? Mehr dazu im nächsten Teil!

Was sind eure Gedanken zu Ich-Zentrierung und Selbstbestimmung?
Inwieweit zeigt sich der Einfluss dieser Themen in euren Gemeinden und im Lobpreis? Würdet ihr das als problematisch bezeichnen?

Über den Autor:

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Martin Binder beschäftigt sich seit 20 Jahren mit den Themen Lobpreis und Anbetung. Seit seinem 14. Lebensjahr spielt er Klavier, Gitarre und Schlagzeug auf Bühnen und in Gottesdiensten und gründet, leitet und coacht Bands. Ebenso lange schon schreibt er eigene Songs in verschiedensten Stilrichtungen, unter anderem auch Lobpreis-Lieder. Die letzten 4 Jahre hat er diese Hobbies zum Beruf gemacht und zusätzlich in einer Bibelschule Lobpreis und Anbetung unterrichtet.